Presseinformation

Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik ITWM

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24.03.2017

»Künstliche Intelligenz oder Cyborg? Digitalisierung als Koevolution von Mensch und Technologie«

Um die beiden Buzzwords »Künstliche Intelligenz« und »Digitalisierung« drehte sich der »Blick über den Tellerrand« im März mit Prof. Dr. Walther Ch. Zimmerli. Der Philosophieprofessor fesselte mit einem Abriss der Geschichte der Philosophie, Begriffsentwirrungen und starker Argumentationslinie rund um die Debatte der digitalen Gesellschaft. Zimmerli ist ehemaliger Präsident der privaten Universitäten Witten-Herdecke und AutoUni, Wolfsburg, und schließlich der TU Cottbus und ist heute Stiftungsprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Seitdem das Trendwort »Digitalisierung« in aller Munde ist, erlebt auch die Diskussion rund um die »Künstliche Intelligenz« (KI) eine unerwartete Renaissance. Für Zimmerli galt es beim »Tellerrand«, die philosophischen Hintergründe dieser beiden Schlagworte auszuleuchten. Beginnend mit der inzwischen klassisch gewordenen Frage des Turing-Tests »Können Maschinen denken?« analysiert und zerlegt er systematisch und unterhaltsam die beiden Begriffe und lässt dabei kaum einen philosophischen Gedankengang unerwähnt.

»Künstliche Intelligenz« ist zum irreführenden Sammelbegriff geworden, dem zumindest im Deutschen auch ein Übersetzungsfehler innewohne, so der Philosoph, denn unter der englischen »Artificial Intelligence« kann auch »Technische Information« verstanden werden. Was ist unter Intelligenz überhaupt zu verstehen? Gespickt mit einer kurzen Anekdote über Einstein und dessen Fahrer wird dem Zuhörer schnell klar, dass es auch hier von Zimmerli keine eindeutige Antwort gibt. Einem solchen Begriffsdebakel unterliegt offenbar auch der scheinbare Gegensatz zwischen »analog« und »digital«. Denn es gibt keine rein digitale Welt der Menschen, denn allem wohnt immer eine Interpretation, eine Bedeutung, eine Analogie inne. Der Gegensatz ist ein künstlicher.

Von Maschinen mit Bewusstsein, Hybridwesen und gottgleichen Menschen

Einem breiteren Publikum bekannt geworden ist Zimmerli zunächst als Experte für Technikethik. Also jener Bereich der Ethik, der die Debatte um Verantwortung in der technischen Zivilisation systematisch diskutiert. Die Frage nach Bewusstsein und Moral war daher auch eine entscheidende beim Tellerrand. Denn unabhängig von der aktuellen Realisierbarkeit: Wäre es gut oder schlecht, wenn wir die Fähigkeit hätten, künstliche Intelligenz mit Bewusstsein zu kreieren? Wer will überhaupt eine Welt bevölkert mit Maschinen ohne Moralfähigkeit?

Aber auch die Frage nach der Kreuzung von Mensch und Maschine war eine der Kernfragen. Sind wir auf dem Weg zu Hybridwesen (»Cyborgs«)? Oder sind wir nicht schon längst welche? Oder noch gravierender: Werden Superintelligenzen – Maschinen, die denken können – uns bald verdrängen? Zimmerli erwähnt hier u.a. Yuval Noah Harari, der gerade mit seinem Buch »Homo Deus - Eine Geschichte von Morgen«, in der Öffentlichkeit steht. Hier beschreibt der Historiker ein Szenario, in dem die technische Optimierung der Gesellschaft zur Erschaffung eines neuen »Übermenschen« und zum möglichen Ende des Homo sapiens führen. Der mit gottgleichen Fähigkeiten ausgestattete Homo Deus verdrängt den Homo sapiens.

Das Beispiel macht deutlich, dass die Digitalisierung immer auch im Zusammenhang mit Ängsten und Gefahr gedacht wird – der Verlust von Arbeitsplätzen und Kontrolle, der Mensch ist nicht mehr »Herr im eigenen Haus«, er macht sich abhängig von der Technik. Dem steht der optimistische Fortschrittsglaube gegenüber.

Zimmerli schließt seinen Vortrag mit einem optimistischen, offenen Ausblick: »Es ist an uns, ob diese Entwicklung von uns betrieben wird, oder ob wir uns treiben lassen«. In seiner Vision könne uns auch eine »Koevolution von Mensch und Technologie« bevorstehen. Im evolutionären Prozess der wechselseitigen Anpassung wird damit die Technologie die Fähigkeiten der Menschen erweitern, nicht ersetzen.

Kurz zur Vortragsreihe »Blick über den Tellerrand«

Einmal im Monat öffnet das ITWM die Türen für alle Interessierten und lädt beim »Blick über den Tellerrand« dazu ein, gemeinsam den Horizont zu erweitern. Die interdisziplinäre Vortragsreihe des Felix-Klein-Zentrums für Mathematik präsentiert unterschiedliche Referenten mit verschiedensten Themen. Jeder ist herzlich eingeladen zuzuhören und mitzudiskutieren. Der Eintritt ist frei.

Mehr Infos zu den Veranstaltungen des Felix-Klein-Zentrums für Mathematik

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Zimmerli erklärt das Begriffsdebakel des scheinbaren Gegensatzes zwischen »analog« und »digital«. Denn es gibt keine rein digitale Welt der Menschen, denn allem wohnt immer eine Interpretation, eine Bedeutung, eine Analogie inne. Der Gegensatz ist ein künstlicher.

Auch die Frage nach der Kreuzung von Mensch und Maschine war eine der Kernfragen. Sind wir auf dem Weg zu Hybridwesen (»Cyborgs«)? Oder sind wir nicht schon längst welche?

Um die beiden Buzzwords »Künstliche Intelligenz« und »Digitalisierung« drehte sich der »Blick über den Tellerrand« mit Prof. Dr. Walther Ch. Zimmerli.

Prof. Dr. Walther Ch. Zimmerli im Gespräch mit Besuchern des Tellerrands.