Hybride KI-Modelle für nachhaltige und effiziente Vliesstoff- und Meltblown-Produktion

Projekt »HyPNos«: Hybride Prozessmodelle durch Simulation und Künstliche Intelligenz für die Nonwoven-Produktion

Vliesstoffe sind Schlüsselmaterialien für Filtermedien, Medizinprodukte, Hygieneanwendungen, akustische und thermische Dämmung sowie viele technische Textilien. Ein zentraler Prozess ist das Meltblown-Verfahren, bei dem geschmolzene Polymere mit heißer Luft zu feinsten Fasern versponnen und zu einem Vlies abgelegt werden. Im Forschungsprojekt »HyPNos« entwickeln wir gemeinsam mit dem Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen University neue digitale Methoden, um die Herstellung von Vliesstoffen – insbesondere Meltblown-Vliesstoffen – effizienter, nachhaltiger und besser zu machen.

Die Vliesstoffindustrie steht vor tiefgreifenden Herausforderungen. Die Produktion ist durch eine hohe Prozesskomplexität geprägt, die sich aus der Vielzahl eingesetzter Rohstoffe, unterschiedlicher Maschinenkonfigurationen und einer breiten Produktpalette ergibt. Gleichzeitig basieren viele Herstellungsverfahren noch auf erdölbasierten Rohstoffen und sind mit einem hohen Energiebedarf verbunden. Hinzu kommt, dass wertvolles Prozesswissen häufig bei einzelnen Expertinnen und Experten gebündelt ist und nur begrenzt systematisch verfügbar gemacht werden kann. Der anhaltende Kosten- und Wettbewerbsdruck bei gleichzeitig niedrigen Margen erhöht den Handlungsbedarf zusätzlich. Zudem sind die während der Corona-Pandemie aufgebauten Meltblown-Kapazitäten vielerorts nicht vollständig ausgelastet, sodass neue Ansätze zur effizienteren Nutzung bestehender Anlagen gefragt sind.

Die Stärken von KI und Simulation kombinieren

Im Projekt »HyPNos« entwickeln wir hybride Prozessmodelle für die Meltblown-Produktion, die numerische Simulationen, Künstliche Intelligenz (KI) und Wissen von Expert:innen miteinander verbinden. Damit begegnen wir den Grenzen bestehender Ansätze: Denn während reine KI-Modelle große Mengen hochwertiger Produktionsdaten benötigen, sind rein numerische Simulationen mit hohem Rechenaufwand verbunden und setzen umfangreiche Expertise voraus. Mit unserem hybriden Ansatz kombinieren wir die Stärken beider Methoden und schaffen die Grundlage für eine systematische Optimierung von Meltblown-Prozessen. Unser Ziel ist es, den Energie- und Materialeinsatz zu reduzieren und damit die ökologische und ökonomische Effizienz der Produktion zu steigern. Gleichzeitig wollen wir die Produktqualität – beispielsweise hinsichtlich Flächengewicht, Zugfestigkeit oder Filterleistung – erhalten oder weiter verbessern.

Hybride Modellierung und digitale Prozessunterstützung

Wir verfolgen dabei einen interdisziplinären Ansatz, in dem Simulation, Messtechnik, Datenanalyse und KI eng verzahnt werden:

Systematische Prozessanalyse
Zunächst erfassen wir relevante Einflussgrößen und Zusammenhänge im Meltblown-Prozess mithilfe strukturierter Methoden wie Ursache-Wirkungs-Diagrammen. Auf dieser Grundlage definieren wir Anforderungen an Daten, Modelle und den Machine-Learning-Workflow.

Numerische Simulation von Teilprozessen
Für zentrale Prozessschritte – etwa das Spinnen, die Faserverwirbelung in turbulenten Luftströmungen sowie die Vliesablage – kombinieren wir bestehende Simulationswerkzeuge zu einer durchgängigen Simulationskette. Diese liefert einerseits hochwertige Trainingsdaten und andererseits physikalische Zwischengrößen, die experimentell nur schwer zugänglich sind.

KI-Modelle auf Basis realer Produktionsdaten
An Technikums- und Industrieanlagen erfassen und strukturieren wir Prozess- und Qualitätsdaten. Darauf aufbauend vergleichen und nutzen wir verschiedene Machine-Learning-Methoden, beispielsweise Neuronale Netze und Gaußprozess-Regression, sowohl für einzelne Teilprozesse als auch für den Gesamtprozess.

Hybride KI-Modelle
Im nächsten Schritt führen wir Simulationsdaten, reale Messdaten und Wissen in hybriden Modellen zusammen. Dabei kommen auch moderne Ansätze wie Physics-Informed Machine Learning zum Einsatz, die physikalische Gesetzmäßigkeiten direkt in die Lernverfahren integrieren. So entstehen robuste, teilphysikalisch fundierte und gleichzeitig datengetriebene Modelle.

Digitales Assistenzsystem zur Prozesseinstellung (Dashboard)
Die entwickelten Modelle überführen wir in eine digitale Einstellhilfe. Über ein interaktives Dashboard können Prozessparameter, Zielgrößen und Restriktionen variiert und deren Auswirkungen auf Produktqualität sowie Energie- und Materialeinsatz direkt visualisiert werden.
 

Nutzen für Unternehmen: Mehr Effizienz, Nachhaltigkeit und Tempo in der Vliesstoffproduktion

Die im Projekt entwickelten Methoden und Werkzeuge unterstützen Unternehmen der Vliesstoffbranche in mehreren Anwendungsbereichen:

Optimierung der laufenden Produktion
Wir ermöglichen eine verbesserte Einstellung der Anlagen und damit einen effizienteren Betrieb. Dadurch lassen sich der spezifische Energieverbrauch senken, Materialverluste reduzieren und Ausschuss minimieren.

Beschleunigte Produktentwicklung
Durch virtuelle Tests und datenbasierte Prognosen reduzieren wir den experimentellen Aufwand deutlich. Neue Rezepturen und Prozessfenster können schneller bewertet und gezielt weiterentwickelt werden.

Einsatz nachhaltiger Rohstoffe
Unsere hybriden Modelle erleichtern die Integration recycelter und biobasierter Polymere, da sich deren Verarbeitungsverhalten systematisch untersuchen und optimieren lässt.

Bessere Auslastung vorhandener Kapazitäten
Wir unterstützen Unternehmen dabei, neue Anwendungsfelder für Meltblown-Vliesstoffe schneller zu identifizieren und hinsichtlich technischer Machbarkeit sowie Wirtschaftlichkeit zu bewerten.

Übertragbarkeit der Methoden
Die im Projekt entwickelten Konzepte für hybride KI-Modelle und Systemarchitekturen sind nicht nur auf Meltblown-Prozesse beschränkt, sondern lassen sich auch auf weitere Vliesstoffverfahren und andere kontinuierliche Produktionsprozesse übertragen.

Unser Projektpartner, Laufzeit und Förderung

Das Projekt bearbeiten wir gemeinsam mit dem Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen University. In engem Austausch mit einem projektbegleitenden Industrieausschuss richten wir die entwickelten Methoden und Ergebnisse konsequent an den praktischen Anforderungen der Vliesstoffindustrie aus und bereiten sie gezielt für den Transfer in die industrielle Anwendung auf.

»HyPNos« läuft vom 01.09.2024 bis zum 28.02.2027 und wird aus Mitteln der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) gefördert. Es richtet sich insbesondere an kleine und mittlere Unternehmen (KMU) der Vliesstoffindustrie sowie deren Zulieferkette. Die Industrielle Gemeinschaftsforschung ist ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) (früher Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz), das KMU in Deutschland gezielt durch vorwettbewerbliche Forschungsprojekte unterstützt.