Blick über den Tellerrand

Umweltberichterstattung: Im Spannungsfeld zwischen Skandal und Hintergrund

Presseinformation / 20.3.2019

Im 75. »Blick über den Tellerrand« berichtete Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion und verantwortlich für die Umwelt-Dokureihe »planet e.«, von den neuen Aufgaben der Umweltberichterstattung. Die rege Diskussion im Anschluss zeigte ein großes Interesse des Publikums am vielfältigen Themenspektrum, aber auch am Blick hinter die Kulissen einer öffentlich-rechtlichen Redaktion.

Referent Volker Angres beginnt seinen Vortrag mit einem Trailer zur Sendung »planet e.« – eindrucksvoll werden Schlagworte und Themen mit schnellen Schnitten eingeblendet und starken Bildern hinterlegt. Die Themenausrichtung und Perspektiven sind vielfältig: Mensch und Umwelt stehen im Mittelpunkt der Doku-Reihe, Forschung und Wissenschaft bilden den Nährboden.

Beim Thema Umwelt ist »planet e.«. eines der wenigen Sendeformate, das sich wöchentlich mit Aspekten rund um das Thema Nachhaltigkeit befasst. Angres betont, dass der Sendeplatz am Sonntagnachmittag nicht optimal sei, aber immerhin locke das Format in der Spitze über eine Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Seine ZDF-Redaktion liefert zudem rund 150 bis 200 Beiträge jährlich an die aktuellen Redaktionen, wie die heute-Sendungen oder das heute journal. Zudem entstehen auch Artikel für die online-Plattform »heute.de«. Interessant: Die Inhalte von planet e. werden aktuell verstärkt als Online-Angebot in der Mediathek abgerufen. Auch dank den aktuellen Bewegungen, wie Fridays for Future, ist der Stellenwert der Umweltberichterstattung in den letzten Jahren gestiegen und die Themen schaffen es häufiger in die Nachrichten. 

Umweltberichterstattung: Im Spannungsfeld zwischen Skandal und Hintergrund
© Fraunhofer ITWM

Die Ereignisse der Vergangenheit hielten die Umweltjournalisten mit starken Bildern auf Trapp. Beispiel auf der Folie: Die Austrocknung des Aralsees ist eine der größten von Menschen verursachten Umweltkatastrophen. Wo früher Wasser floss, suchen heute Kamele Schatten.

Volker Angres beim Tellerrand
© Fraunhofer ITWM

Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion und verantwortlich für die Umwelt-Doku-Reihe »planet e.«, beim »Blick über den Tellerrand« in der Abschlussdiskussion mit den Zuschauern.

Volker Angres beim Tellerrand
© Fraunhofer ITWM

Volker Angres beim »Blick über den Tellerrand« unter der Überschrift »Ohne Giftfass? Von den neuen Aufgaben der Umweltberichterstattung im Fernsehen«.

Vom Katastrophenjournalismus zu Mehrwert durch Wissen

So war das nicht immer. Viele Beispiele aus dem journalistischen Alltag des stellvertretenden Leiters der Hauptredaktion Wirtschaft, Recht, Soziales, Service, Umwelt (WIRSSUM) machen deutlich, wie sich die Herangehensweise der Journalisten gewandelt hat. In den frühen 1990er Jahren beschreibt er die Berichterstattung als eher ereignis-, katastrophen- oder skandalgetrieben. Von Schaumbergen auf Flüssen über Fischsterben im Rhein bis hin zur Tschernobyl-Katastrophe oder brennenden Ölquellen – die Ereignisse der Vergangenheit hielten die Umweltjournalisten mit starken Bildern auf Trapp.

Umweltsünden, bei denen solche Bilder für sich sprechen, sind heute dagegen eher rar, denn viele Dinge sind gar nicht mehr direkt sichtbar. »Das ist fatal für das Bildmedium Fernsehen, denn wo soll das Objektiv der Kamera hinschauen, wenn es nichts zu sehen gibt?«, so Angres überspitzt.

Die Umweltberichterstattung seiner Redaktion setzt daher auf Hintergrundwissen und ein Querdenker-Konzept. Als Beispiel nennt der Journalist »das Märchen vom umweltfreundlichen Auto«. Ein Auto mit wenig Spritverbrauch gilt in der allgemeinen Wahrnehmung als umweltfreundlicher. Das Doku-Format schaut aber genauer hin und deckt auf, dass in der Autoindustrie die Nachhaltigkeit oft am Werkstor aufhört. So würden die Vorlieferketten zumeist nicht berücksichtigt, wie zum Beispiel die Erzgewinnung für Autostahl in Brasilien. Generell, in Zeiten von Globalisierung werden Zusammenhänge immer komplexer. Die Zuschauer wollen die Zusammenhänge besser verstehen. Der Mehrwert fürs Publikum generiert sich durch Wissen.
 

Abschlussdiskussion zur Umweltberichterstattung in der Medienlandschaft

Das neue »Nachhaltigkeit-TV« eröffnet dabei Perspektiven auf Themen, auf die sonst in dieser Tiefe »im Mainstream« nicht geschaut wird. Vom Öko-Tofuhersteller, der sein Soja selbst anbaut über Gentechnik bis hin zu Mikroplastik in unseren Böden – das Themenspektrum ist breit gefächert. Dabei kommt es auf »die Balance zwischen Katastrophen und klugen Hintergrundinfos an«, betont der Redaktionsleiter.

Das Schlagwort »Systemisches Denken« ist ihm besonders wichtig. Dennoch ordnet er in der Diskussion auch klar realistisch ein: »Wir werden kaum mit einer Sendung oder einer Dokureihe direkt und sofort zum Bewusstseinswandel oder zu Verhaltensänderungen herbeiführen. Das ist ein gesellschaftlicher Prozess, der über Jahre wachsen muss.«
 

Zum Referenten und zur Vortragsreihe »Blick über den Tellerrand«

Volker Angres, M.A., ist seit 1990 Leiter der ZDF-Umweltredaktion und derzeit auch stellvertretender Leiter der Hauptredaktion Wirtschaft, Recht, Soziales, Service, Umwelt (WIRSSUM). Er ist verantwortlich für die sonntägliche Umwelt-Dokureihe »planet e.« und arbeitet als Autor für aktuelle Sendungen des ZDF. Er wurde für seine Arbeit mehrfach mit verschiedenen Umweltpreisen ausgezeichnet. Angres war Mitglied im Nationalkomitee der UN-Dekade »Bildung für nachhaltige Entwicklung«. Er gehört dem Verwaltungsrat der Stiftung Warentest sowie dem Kuratorium der Allianz-Umweltstiftung an. Als Co-Autor hat er unter anderem die Bücher »Futter fürs Volk«, »Bananen für Brüssel« und »Das Verstummen der Natur« verfasst.

Einmal im Monat öffnet das ITWM die Türen für alle Interessierten und lädt beim »Blick über den Tellerrand« dazu ein, gemeinsam den Horizont zu erweitern. Die interdisziplinäre Vortragsreihe des Felix-Klein-Zentrums für Mathematik präsentiert unterschiedliche Referenten mit verschiedensten Themen. Jeder ist herzlich eingeladen zuzuhören und mitzudiskutieren. Der Eintritt ist frei.