Optimierte Simulationen durch Scans von Bauteilen

Digitale Zwillinge von Leichtbau-Bauteilen durch 3D-Scans der Faserstruktur

Ob im Automobil- und Maschinenbau oder in der Luftfahrt: Leichtbau-Bauteile aus faserverstärkten Kunststoffen müssen hohen Belastungen standhalten – bei möglichst geringem Gewicht. Entscheidend für ihre Stabilität ist dabei die innere Struktur des Materials, insbesondere die Ausrichtung der Fasern. 

Präzisere Simulationen und genauere Vorhersagen der Eigenschaften von Bauteilen im Leichtbau sind das Ergebnis der Zusammenarbeit unserer Forschenden mit dem Unternehmen Xnovo Technology aus Dänemark. Gemeinsam geht ein Projektteam der Frage nach, wie die reale, herstellungsbedingte Mikrostruktur eines Spritzguss-Bauteils mithilfe von Scans in numerische Modelle überführt werden kann. Ziel ist es, die tatsächliche Belastbarkeit von Bauteilen deutlich präziser vorherzusagen – bevor sie im Einsatz versagen.

Für das Projekt wurden Spritzguss-Bauteile mit einem Scanner von Xnovo Technology virtuell abgebildet. Der Scan ist damit die Basis für möglichst realistische Digitale Zwillinge, die beispielsweise über die Belastbarkeit von Bauteilen Aufschluss geben. Während bisher vor allem Spritzguss-Simulationen als Basis dienten, erlaubt der neue Ansatz die direkte Nutzung realer Bilddaten. Dadurch lassen sich insbesondere Aussagen über die Faserorientierung im Bauteil deutlich präzisieren.

Ausgangslage: Eingeschränkte Möglichkeiten zur Beschreibung faserverstärkter Kunststoffe

Bislang war die Beschreibung faserverstärkter Kunststoffe mit bildgebenden Ansätzen nur eingeschränkt möglich. Typische Herausforderungen der Visualisierung sind:

  • Konflikt zwischen Bauteilgröße und Auflösung: Größere Bauteile lassen sich oft nur mit reduzierter Auflösung erfassen. 
  • Zerstörung von Proben: Um einzelne Fasern sichtbar zu machen, müssen Bauteile häufig in kleine Proben zerschnitten werden. Dabei geht die reale Faserarchitektur des Gesamtbauteils verloren.
  • Aufwendige Bildauswertung: Die Segmentierung einzelner Fasern oder Faserbündel aus reinen Absorptionsdaten ist rechenintensiv und mit Unsicherheiten verbunden. Das beeinflusst direkt die Qualität von Materialmodellen und Simulationsergebnissen.
Absorption und Faserorientierung
© Fraunhofer ITWM
Absorption und Faserorientierung
Vollständige 3D-Erfassung mit FiberScanner3D
© Fraunhofer ITWM
Vollständige 3D-Erfassung mit FiberScanner3D

FiberScanner 3D: 3D-Erfassung der Faserstruktur

Für zuverlässige digitale Zwillinge ist die dreidimensionale Faserorientierungsverteilung im gesamten Bauteil entscheidend. Deswegen entschieden sich die Projektpartner für den Einsatz eines Scanners, der die vollständige 3D-Erfassung sowie eine Darstellung der Faserstruktur ermöglicht. Diese Messdaten bilden die Grundlage für simulationsfähige Material- und Strukturmodelle bei uns am Fraunhofer ITWM.

Die Methode FiberScanner3D von Xnovo Technology kombiniert Absorptions- und Streudaten der Röntgenmessung. Aus dieser multimodalen Analyse lässt sich die lokale Faserorientierungsverteilung für komplette Bauteile bis zur Größe von 150 × 100 × 80 mm³ bestimmen.
 

Das eröffnet folgende Möglichkeiten:

  • 3D-Faserorientierung in jedem Voxel 
  • Lokaler Faservolumenanteil
  • Anisotropie der Fasern
  • Poren- und Einschlussanalyse für Hohlräume, Defekte
  • Nominal–Ist-Vergleich zwischen CAD-Geometrie und tatsächlicher Geometrie
  • Netzerzeugung für hochaufgelöste FE-Modelle

Fallstudie: Digitaler Zwilling eines spritzgegossenen PPA-/CF-Bauteils

Eine durchgeführte Fallstudie veranschaulicht die Erstellung eines hochpräzisen Digitalen Zwillings unter Einsatz eines einzigartigen Arbeitsablaufs für das 3D-Fasermapping des gesamten Bauteils. Das resultierende Modell erfasst zerstörungsfrei den tatsächlichen Fertigungszustand des Bauteils und berücksichtigt dabei fertigungsbedingte Abweichungen in Form und Faserausrichtung. Aus dem FiberScanner3D-Scan werden sowohl die reale Bauteilgeometrie als auch die dreidimensionale Verteilung der Faserorientierungen im gesamten Volumen rekonstruiert.

 

Simulationsergebnisse: Einfluss der Faserorientierung auf Spannungen und Kräfte

Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Einbindung der Faserorientierungsdaten hat deutlichen Einfluss auf die vorhergesagten Spannungen und Reaktionskräfte. Die Simulation ohne Faserorientierungsinformation unterschätzt sowohl die maximale Spannung als auch die Reaktionskraft signifikant. Mit der Modellierung auf Basis der FiberScanner3D-Daten wird ein wesentlich höheres Beanspruchungsniveau prognostiziert.

Das zeigt: Die Faserverbundstruktur ist für die Belastbarkeit eines Bauteils unter Torsion wesentlich bestimmend.

Erfassung der Faserstruktur von Bauteilen
© Fraunhofer ITWM
Erfassung der Faserstruktur von Bauteilen

Ergebnis überzeugt

Mit den 3D-Scans der Faserstruktur steht eine hochgenaue Alternative zur Spritzguss-Simulationen zur Verfügung. Dies ist insbesondere dann wertvoll, wenn bei ungekannten Parametern des Herstellungsprozesses genaue Aussagen über die Bauteilperformance erforderlich sind.

Finite-Elemente-Analyse
© Fraunhofer ITWM
Finite-Elemente-Analyse