Blick über den Tellerrand

Himmlisches Händel-Oratorium – Werkbetrachtung mit Chor

Presseinformation / 12.6.2019

Der »Blick über den Tellerrand« im Juni verwandelte das Atrium des Fraunhofer ITWM in einen Konzertsaal der besonderen Art. Der klassische Chor der TU Kaiserslautern brachte zwischen exotischen Pflanzen und wissenschaftlichen Büros Ausschnitte des Oratoriums »Samson« von Georg Friedrich Händel dar. Während Prof. Dr. Peter Overbeck, Vorsitzender der Händel-Gesellschaft Karlsruhe, zu Werk und Komponisten referierte.

Overbeck führte in seinem Vortrag mit Hörbeispielen durch die Entstehungsgeschichte des Werkes und durch das Leben Händels – aufgelockert immer wieder durch die Live-Darbietung des klassischen Chores der TU Kaiserslautern. Das vorgestellte Oratorium behandelt den Stoff des israelitischen Heerführers Samson, der sein Volk von den Philistern durch seine übermenschlichen Kräfte befreit. Händels »Samson« basiert auf der Geschichte des Alten Testaments im Stil eines Lesedramas des Dichters John Milton. Der Chor bzw. die Chöre spielen im Werk eine große Rolle, umso passender, dass die klassische Musik dem Tellerrand-Publikum durch den Chor direkt vor Augen und Ohr geführt wurde.

Atrium des Fraunhofer ITWM als Konzertsaal
© Fraunhofer ITWM

Der »Blick über den Tellerrand« verwandelte das Atrium des Fraunhofer ITWM in einen Konzertsaal der besonderen Art. Der klassische Chor der TU Kaiserslautern brachte zwischen exotischen Pflanzen und wissenschaftlichen Büros Ausschnitte des Oratoriums »Samson« von Georg Friedrich Händel dar.

Overbeck als Referent
© Fraunhofer ITWM

Prof. Dr. Peter Overbeck, Vorsitzender der Händel-Gesellschaft Karlsruhe, referierte zum Werk und Komponisten. Seinen Vortrag untermalte er mit Hörbeispielen. Im Bild: Ein Trauermarsch leitet im 3. Akt die Totenfeier um den erschlagenen Helden Samson ein.

Klassischer Chor der TU Kaiserslautern
© Fraunhofer ITWM

Klassischer Chor der TU Kaiserslautern mit Chorleiter Berthold Kliewer. Klaus Demuth begleitete am Klavier.

»Händel hatte einen Riecher für die Zeit«

Der deutsch-englische Komponist habe mit dem englischen Oratorium eine Gattung der barocken Musik geschaffen, die genau den Puls der damaligen Zeit traf, betonte Overbeck. Denn italienische Opern mit Kastraten scheinen nicht mehr zeitgemäß, u.a. aufgrund ihrer Künstlichkeit und eines veränderten Geschmacks. Die Kompositionen Händels brachten zwar biblischen Stoff auf die Bühne der Londoner Theater, aber in Englisch, der Sprache des Volkes, der bürgerlichen Mittelschicht. Händels Musik ist gerade bei Solisten und Chorsängern sehr beliebt, da sie sehr »singbar« ist und Händel – anders als etwa sein Zeitgenosse J. S. Bach – zu diesem Zwecke auch gelegentlich von satztechnischen Regeln abweicht, z. B. in den Chorfugen. Schon zu Lebzeiten brachte ihm das Ruhm und er gehörte zu den Stars der Szene, aber auch heute erfahren Oratorien wie der »Messiah« und der »Samson« eine ungebrochene Aufführungstradition.

Die Musik führt den Zuhörer bildhaft in die Geschichte um den israelitischen Helden Samson. Die Chöre, die das Volk der Israeliten und auf der anderen Seite das Volk der Philister verkörpern, kämpfen jeweils um die Vorherrschaft ihres Gottes Jehova oder Dagon. Overbeck greift sich in seiner Werkbetrachtung immer wieder Themen heraus und schafft den Kontext zum Leben des Komponisten. So wird Samson von Blindheit heimgesucht, der Dichter der Textvorlage, John Milton war erblindet, Händel erblindete später ebenfalls. Dunkelheit, Licht und Blendung sind für alle drei ein starkes Themenspektrum.

Auch Entlehnungen – sei es aus eigenen Werken oder von anderen Komponisten – gehören zum Schaffen Händels und zur barocken Musik seiner Zeit. »Das galt damals nicht als Plagiat, sondern als Wertschätzung gegenüber dem Entlehnten«, so Overbeck. »Ein wieder aufgegriffenes Thema wurde gesehen wie ein Rohdiamant, der noch geschliffen wird«. Zwischen dem dramatischen Chorgesang, einem Trauermarsch, Gesang der Jungfrauen und feierlichen Klängen mit stolzen Trompeten räumt der Händel-Experte zudem mit Legenden rund um den Komponisten auf: »Er war nie komplett pleite, wie es immer wieder heißt. Er ist immer wieder aufgestanden und hatte auch ein Händchen für geschickte Geldanlagen«.

 

Zum Referenten und zur Vortragsreihe »Blick über den Tellerrand«

Peter Overbeck ist Professor für »Trimediale Produktion« beim Institut für Musikjournalismus an der Hochschule für Musik Karlsruhe und unterrichtet im Bereich des Kulturjournalismus und der Medienproduktion. Außerdem ist er seit 2007 Vorsitzender der Händel-Gesellschaft Karlsruhe e.V.

Geboren ist Overbeck 1963 in Kiel, Studium an der Hochschule für Musik Detmold (Abschluss als Diplom-Tonmeister 1990), Musikwissenschafts- und Romanistik-Studium an den Universitäten Basel, Heidelberg und Paderborn (1998 Promotion zur englischen Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts). Danach folgte eine mehrjährige Tätigkeit als Musikregisseur und Programm-Mitarbeiter beim schweizerischen Radio DRS-2 (Studio Basel). Anschließend war er als freiberuflicher Musikjournalist und musikalischer Aufnahmeleiter für Rundfunk, Schallplatte und Printmedien tätig. Es hat u.a. Bücher zu G. F. Händel, zur Oper und zum Musik- und Kulturjournalismus veröffentlicht.

Einmal im Monat öffnet das ITWM die Türen für alle Interessierten und lädt beim »Blick über den Tellerrand« dazu ein, gemeinsam den Horizont zu erweitern. Die interdisziplinäre Vortragsreihe des Felix-Klein-Zentrums für Mathematik präsentiert unterschiedliche Referenten mit verschiedensten Themen. Jeder ist herzlich eingeladen zuzuhören und mitzudiskutieren. Der Eintritt ist frei.